Narziss ist weiblich.


Zum 100. Geburtstag der Leni Riefenstahl.
Von Birgit Kahle

Redaktion: Jürgen Keimer – WDR Radio 5 – Scala 

Aufnahme: WDR Landesstudio Bielefeld
Sendung: 22. August 2002


Sprecher 0: „Verliebt, ja das bin ich,
kaufte mir Schuhe mit narbigen Sohlen,
lauf durch den Schnee,
gutmütig bin ich, leichtfertig bin ich,
vogelfrei bin ich, verliebt bin ich, ja das bin ich
in meine Spuren im Schnee.“

Sprecher 1: Eine hundertjährige Legende aus unzähligen Einzellegenden: Gefeierte Tänzerin. Kino-Star am Ufa-Himmel, weltweit preisgekrönte Fotografin. Eine der innovativsten Film-Regisseurinnen ihrer Epoche. Und doch vor allem eines: die Frau, die dem Faschismus eine bewegte Gestalt gab, der bösen Lehre ein ästhetisiertes Antlitz. Über die Person der Leni Riefenstahl sagt das alles wenig. Auch nicht darüber, ob sie Faschistin war - oder bloß eine ambitionierte Opportunistin, sich selbst mit Haut und Haar ergeben, vernarrt in die eigene Begabung.

O-Ton LR 1: Dieses Verfallen-Sein meinem Beruf gegenüber ist eigentlich in allen meinen Berufen mehr oder weniger gewesen, so dass ich eigentlich fast ein etwas weltfremder Mensch bin, weil ich immer nur in der Welt gelebt habe, in der Ich gearbeitet habe.

Sprecher: Berta Helene Riefenstahl, am 22. August 1902 als Tochter eines Berliner Kaufmanns geboren, ist ihren Eltern eine jungenhafte Tochter. Körperlich ist Leni, wie sie von allen genannt wir, oft stürmisch. Von einer hemmungslosen Zeigelust. Niemals vulgär, eher trotzig kokett. Und fordernd. Für eine Mädchen ihrer Generation sind das seltene Attitüden.

O-Ton LR 2: Das Klettern im Fels, das war eine Leidenschaft. Und eine Zeitlang war auch das Skilaufen eine Leidenschaft. Denn ich war 1936 Mitglied der deutschen Olympiamannschaft. Ich war so gut, dass ich mit aufgestellt war.

Sprecher: Ihre leibliche Balance ist - neben Talent – zeitlebens Basis für das unerschütterliche Selbstbewusstsein der Riefenstahl. Die Grundlage für jede ihrer Karrieren.

O-Ton LR 4: Es hat auch was mit dem Körper zu tun, mit Bewegung.

Sprecher: Ja, auch mit Bewegung. Aber es hat auch mit der Innensicht der Riefenstahl zu tun. Mit einem begehrlichen Focus auf die eigene Person. Mit einer emphatischen Selbstliebe, die sie ein Leben lang nicht verlassen wird. Es ist ihr nicht egal, was man von ihr sagt. Aber ganz so wichtig ist es eben auch nicht. Sie hat ja sich. Ihre Weltsicht ist nicht deckungsgleich mit der Geschichtsschreibung. Dass irgendjemand den Kern ihrer Person erfasst, hält sie für ausgeschlossen:

O-Ton LR 5: Nein, das kann ich gar nicht erwarten, weil seit einem halben Jahrhundert über mich so viel Unwahres verbreitet wurde, dass es gar nicht denkbar ist. Und die Riefenstahl, die in der Presse erwähnt ist, hat mit mir überhaupt nichts zu tun, mit meinem Leben.

Sprecher: Zumindest die Presse des Dritten Reiches feiert die Riefenstahl: Als den Star des deutschen Bergfilmes. Klettern ist unpolitisch. Schön sein auch. Und schön, das ist sie. Auf eine ganz und gar un-arische Weise, bisweilen androgyn, ein wenig mysteriös – aber stets unnahbar. Unter der Regie von Arnold Fanck dreht sie Kassenschlager in Serie. Für Filme wie ‚Die weiße Hölle am Piz Palü’ stürmen Millionen in die Kinos. Doch Leni ist nicht nur eine gute Aktrice. Sie beweist ein Auge fürs szenische Detail, will selbst Regie führen. Schon mit der ersten eigenen Produktion überflügelt sie Ihren großen Gönner.

O-Ton LR 6: Ich hatte doch dann überraschend diesen großen Erfolg mit meinem ersten Film, mit dem ‚Blauen Licht’ und dann die Erfolge mit ‚Triumph des Willens’ und den Dokumentarfilmen. Und das war natürlich für meinen Regisseur irgendwie schmerzhaft, dass ich ihn so überflügeln konnte. Es hat mir leid getan. Aber ich konnte nichts dafür.

Sprecher: Sie gründet ihre eigene Produktionsfirma. Und wird einsamer, denn es gibt reichlich Neider. Fanck ist einer von ihnen. Andere Filmschaffende, darunter die Dietrich, distanzieren sich - rückblickend - aus rein politischen Gründen von Leni Riefenstahl. Bis Kriegsende will sie davon nichts gespürt haben.

O-Ton LR 7: Ich kannte das ja gar nicht. Das ist ja alles nach dem Krieg durch Politik gekommen. Indem man mich politisch gesehen hat, nicht. Durch den einen Film. Und weil man gesagt hat, auch die Olympiafilme wären Propagandafilme. Was natürlich ganz blöde ist.

Sprecher: Auch Lenis Filmpartner Luis Trenker hat Probleme mit deren ungeheurer Popularität. Und selbst dem mächtigen Goebbels missfällt der Ruhm der Riefenstahl. In der Branche der Narzissten ist es immer auch eine persönliche Kränkung, wenn ein anderer mehr im Scheinwerferlicht steht als man selbst. Umso schlimmer, wenn es sich dabei um eine Frau handelt. Viele enge Freunde hat die eigenbrötlerische Leni ohnehin nie. Sie hat ein Meer von Bewunderern. Einer von ihnen ist Adolf Hitler. Bis heute kultiviert die Riefenstahl ihre Version, Hitlers Auftrag unter Zwang angenommen zu haben. Zum Führer habe man nicht einfach NEIN sagen können. Ihre – verbriefte – enge Freundschaft mit dem Führer spart sie gerne aus, reduziert sie zur backfischhaften Schwärmerei. In Wahrheit trafen sich wohl Talent, Perfektionismus, geschmeicheltes Ego und ein unbegrenzter Etat – das Elysium eines jeden Regisseurs.

‚Triumph des Willens’ wird ein düsteres Meisterwerk. Aus mehr als 60 Stunden Filmmaterial schneidet Leni Riefenstahl den wohl wirkungsvollsten Propagandafilm aller Zeiten. Sie setzt 16 Kamerateams ein und erprobt revolutionäre Perspektiven. Kühne Montagetechniken lassen den Film wie choreographiert wirken. Obwohl nicht-militaristisch in Szene gesetzt, beschreibt der Film aus heutiger Sicht punktgenau die dumpfe Psychologie des deutschen Faschismus. Sie habe lediglich das ästhetische Optimum erzielen wollen, so sagt Riefenstahl in zahllosen Interviews. Die politische Aussage sei ihr völlig gleichgültig gewesen ‚Olympia – Fest der Völker’ zählt bis heute offiziell zu den zehn besten Dokumentarfilmen aller Zeiten. Im Zentrum steht die Glorifizierung des menschlichen Körpers. Sie nennt es ‚Schönheit in Bewegung.’ Andere nennen es arische Propaganda.

O-Ton LR 8: Die deutschen Sieger waren bei mir im Hintergrund. Es waren die Neger, es war Jesse Owens, es waren die Japaner, die bei mir sehr im Vordergrund standen. Das ist eigentlich ohne Absicht gekommen. Nur weil die sehr fotogen waren. Und weil ich auch nicht politisch gedacht habe.

Sprecher: Egal, was die Riefenstahl nach dem Untergang des Dritten Reiches anfängt: Sie bleibt die Hofberichterstatterin Hitlers. In über hundert Prozessen kämpft sie gegen Rufmord, vermeintliche Falschaussagen und üble Nachrede. Fast alle gewinnt sie. Dennoch:

O-Ton LR 9: Ich bräuchte zwei Anwälte und ein paar Agenten, um das alles zu klären. Das kann ich nicht, und daher lasse ich’s laufen.

Sprecher: Auch von den Alliierten wird Riefenstahl lediglich als Mitläuferin eingestuft, doch die einstige Nähe zum Bösen haftet ihr an wie ein schneidendes Parfum.

O-Ton LR: (Sonderton 19:) Also mir ist oft gesagt worden, gib es auf, es hat keinen Zweck. Besser, du verschwindest irgendwo, das Leben wird so schwer werden, es wird so grausam. Die Vorurteile die da sind.

Sprecher: Die Deutschen bekamen den Sündenfall aus weiblicher Hand. Das ist es, was die Verfehlung der Riefenstahl so ungeheuerlich macht. Der Apfel nachdem sie so gierig griff, war vergiftet. Hätte sie es ahnen müssen? Es gab andere, die ahnten nicht nur, sie wussten. Waren aktive Rädchen im riesigen Bollwerk der Propaganda. Und fassten doch problemlos Fuß in der Medienlandschaft der Nachkriegsgeschichte. Der Unterschied: Es waren ausnahmslos Männer. Und sie hatten den Mut oder die Einsicht zur Abbitte.

Jodie Foster glaubt, dass die Riefenstahl in ihrem Leben lediglich „ein paar falsche Entscheidungen getroffen“ hat. Eine amerikanische Demokratin muss nicht fürchten, hier leichtfertig Absolution zu erteilen. Was, die Frage muss erlaubt sein, wenn die Mittel für Riefenstahls Filme nicht von Goebbels und Hitler gekommen wären? Die großen totalitären Systeme verordneten ihren bildenden Künsten allesamt einen Muskelprotz-Realismus – und sie bekamen ihn. Von Männern, die ebenso narzisstisch waren wie Leni Riefenstahl, aber nicht halb so begabt.

O-Ton LR 10: Diese ganz große Konzentration und dass ich nicht sehr materiell bin. Da hat mir das nichts bedeutet, wenn ich ein paar Monate länger an einer Arbeit saß, wo ich auch nichts verdient habe, aber wo ich doch meine Arbeit verbessern konnte dadurch. Das war ein Trieb.

Sprecher: Der bizarre Lebensweg der Riefenstahl beeindruckt auch jenseits ihrer geschichtlichen Verstrickung: Bereits über 60-jährig sie zieht sich zurück in den entlegensten Winkel des Sudan und dokumentiert als Fotografin das Stammes:

O-Ton LR 11: Ich war in meinem ganzen Leben – bis heute – nicht annähernd so glücklich wie in den Zeiten, wo ich bei den Nuba war.

Sprecher: Die Nuba-Aufnahmen erringen internationale Fotopreise. Die New York Times titelt: ‚She’s simply the best!’ Dennoch meinen etliche Kritiker darin eine faschististoide Ästhetik zu erkennen: Die Körper seien zwar diesmal schwarz, die Leiber indes zu großartig, zu makellos.

O-Ton LR 12: Das war etwas Besonderes. Vielleicht gerade in dieser Periode meines Lebens, weil die Menschen eben so gut waren. Die waren so liebenswert.

Sprecher: Menschen will sie fortan nicht mehr ablichten, auch aus Angst vor der immer gleichen Kritik. Seit ihrem 72 Lebensjahr taucht Leni Riefenstahl. Hinab in eine stumme Welt, in der – aus ihrer Sicht – Schmähungen, Hass und die Geschichte nicht mehr wirken. Hier will sie noch arbeiten „bis zum letzten Atemzug“, denn ihre „Kunst“ sei ihr stets das einzige moralische Maß gewesen. Das Greenpeace-Mitglied Riefenstahl hat eine Mission. Vielleicht die erste in ihrem Leben, die politisch korrekt ist:

O-Ton LR 14: Es müsste mehr solcher Institutionen geben. Ich versuche, wo ich die Möglichkeit habe, z.B. auf den Malediven, mit dem Präsidenten zu sprechen, was sie alles tun können, um das einzudämmen.

Sprecher: Eines wird sie noch einmal erreichen in diesen Tagen: Internationale Aufmerksamkeit. 48 Jahre nach ihrem letzten Leinwanderfolg kommt ein neuer Film von Leni Riefenstahl in die Kinos. Pünktlich zu ihrem 100. Geburtstag. Ein letzter Geniestreich? Der Wille zum Triumph? Ein später Versuch kreativer Rechtfertigung? Oder lediglich ein Produkt purer Zwangsläufigkeit:

O-Ton LR 15: Mein Leben bestand aus Arbeit und besteht bis zur letzten Minute aus Arbeit. Ich kann mir ein Leben ohne meine Arbeit nicht vorstellen.

Sprecher: ‚Impressionen unter Wasser’ ist ein Tauchfilm, choreographiert zu Musik von Giorgio Moroder. Über 15 Jahre hat sie daran gearbeitet. Schöne Bilder. Die reine Ästhetik der Riefenstahl. Ohne Worte. Aber mächtig. Wie früher. Wie stets. Und wenn sie ihn verreißen, diesen letzten Film?

O-Ton LR 16: Das ist doch ganz einfach: Entweder man geht daran hops oder man übersteht’s und dann macht’s gar nichts mehr aus.

O-Ton LR 17: Ich sehe fast alles positiv, also in allem Negativen auch das Positive, sonst könnte man gar nicht leben.

Sprecher: Ihre Weltsicht lässt sie die Riefenstahl sich nicht nehmen. Ihren Narzissmus erst recht nicht. Deshalb wird sie für die Nachwelt immer hoch dissonant bleiben. Was sich zum hundertsten Geburtstag aus Respekt vor ihrem Lebenswerk ziemt, ist: Zu gratulieren.

Jimdo

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